Empfindsame Romantik oder: Wie des Ritters Lanze brach…

Liebe – gilt wohl als das Neumysterium des modernen Menschen. Immerhin wurde es ja durch die Romantik abgeschafft, dass man mittels Versorgungsehe ein Leben lang an einen Partner gebunden war und diesen in guten und in schlechten Tagen zu ertragen hatte. Mit der Entdeckung der blauen Blume, des Märchens als Transportmöglichkeit des ultimativen Werts der großen Liebe und der Möglichkeit endlich – Danke hier stellvertretend an Bayer- Schering für die Erfindung der Pille – sich einwandfrei durch die Weltbotanik zu vögeln. Diese – zweifelsfrei mehr oder minder revolutionären Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Zweisamkeitsgestaltung ziehen jedoch Folgen nach sich, die ich ziemlich spannend finde.
Wie soll es denn nun der copulationsbereite Jungmann anstellen, das Objekt seiner Begierde einzufangen, um damit die Freuden zwischenmenschlicher Sexualkontakte zu genießen.

Wer die bereits angeschnittene Deutsche Romantik verstehen will, muss sich nochmals knapp 100 Jahre in der Zeit zurückwälzen. Nachdem Kant 1784 erst Horaz ausgegraben und dann die Philosophie mit der Forderung, der Mensch solle sich aus der eigenen, selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien, in das Zeitalter der Aufklärung gestürzt hatte, kam ein Fall in Emotionen und gefühlsbetonte Standpunkte.
Auf die rationale und logische Haltung der Aufklärung folgte der wütende und emotional nahezu hochschwangere „Sturm und Drang“ mit seiner Nebenströmung, der Empfindsamkeit. Dieser Epoche gehörten große Namen wie Goethe und Schiller an, die die Lyrik, die Epik und das Drama mit kräftiger Sprache, großen Emotionen und starken Bildern anreicherten. Neben der starren Dramentektonik der Aufklärung, beriefen sich diese auch auf die Götterfiguren, Titanen und Menschen der Antike – vorrangig aber den gescheiterten Existenzen. Und genau hier finden wir, was auch noch heutige Helden, denen Eros den Pfeil einen Ticken zu tief ins Fleisch geschossen hat. Johann-Wolfgang wählte hierfür den schönen Günstling Zeus – den trojanischen Prinzen Ganymed, der sich in seiner Empfindsamkeit auflöst.

Nachdem jedoch unser frankfurter Genius die Orangenhaine der Mittelmeerregion für sich entdeckt hatte und Mignons Lied verdichtet hatte, mäßigten sich die überschäumenden Gefühlsbetonungen und Wut und endlose Liebe verflüchtigten sich – was nun kam, war die Klassik. Noch angelehnt an die hellenistische Götter-, Sagen- und Philosophiewelt, wurden die Herren nun altersmilde und wandten sich wieder der Ratio zu. Nur um dann – es sind nun doch schon knapp 60 Jahre vergangen, seitdem Kant Disziplinierung, Kultivierung, Zivilisierung und Moralisierung als wichtige Instrumente der Erziehung entdeckt hatte. Diese vier kleinen Wörtchen führen nämlich dazu, dass der Mensch scheinbar aufgeklärt werde.

Doch die politische Lage in unseren schönen deutschen Landen hatte sich verändert. Und schwupp-die-wupp: Wo einst Kleinstaaten waren, gab es nun ein tolles Gemeinschaftsgefühl, getragen vom gesamtdeutschen Romatikgeist, der das Mittelalter als töfteste aller Epochen ausgrub, um neben dem Gemeinschaftsgeist auch andere tolle neue Werte wie die Liebe zu etablieren. Und so passierte es, dass sich die Figur des heldenhaften Ritters als demjenigen, der dann auch noch am Ende den Stich – erst gegen den Drachen und dann bei der Prinzessin – landet, etablierte. Und so zogen fortan viele junge Männer in die Schlacht, um sich die Holdeste zu angeln, die sich wahlweise in Dornengestrüpp, auf Türmen oder einfach in ner Zweier-WG mit dem kleinen, etwas wunderlichen Bruder lebte. Dieses Idealbild hielt sich – es war ja auch so geil männlich, was sowohl Freund Friedrich Wilhelm vom Pregel, als auch der Braunauer mit dem Rechtsdrall im Arm – wunderbar weiter etablierte. Denn Wagner mit seinen Siegfrieden und Parzivalen eignete sich hervorragend dazu, Jungs klarzumachen, man könne nur stechen, wenn man selbst der Held sei, und Mädchen einzutrichtern, nur ein wirklicher Held lohne sich für den wahren Stich in die unschuldigen Tiefen gesamtdeutscher Spalten – sei es am Berge, zu Lande und manchmal auch im heimischen Ehebett.

Nur frage ich mich heute, warum sich die neudeutschen Pseudoparzivale auf Seiten wie Go-Feminin mit sinnbefreiten Schnulztexten die textgewordene Liebeslanze zusammen plagiieren, statt einfach selbst zu schreiben. Neben dem fiesen Drachen Orthografie wird es auch noch die in Gestalt der Syntax anrückende Artemis sein, die es den hormonbeseelten Liebeslanceloten wirklich erschwert, zumindest in Textform eine der unzähligen Prinzessinnen aus ihrem Turm zu befreien. Da sich jedoch der Wörterdschungel des www dazu anbietet, muss der Ritter der Leidenschaft nicht mal mehr sein eigenes Sprachzentrum bemühen, sondern eignet sich Fremdes an, um dann bei den Guineveres des Netzes Seufzer der Verzückung landen zu können… Und so suchen sie, getrieben vom heldenhaften Drang des eigenen Antlitzpoliturversuchs nach möglichst empfindsamen Texten, die sie in der Hoffnung zumindest der romantischen Illusion näherzukommen wild durch die Welt verbreiten – in der nie endenden Hoffnung, endlich auch einmal selbst die Lanze bis zum eigenen Heldendenkmal schwingen zu können – und sei es nur ein Plastikoscar mit der Aufschrift: Best lover in the World auf der Toilette der heimischen Guinivere, Kunigunde oder Kriemhild stehen zu haben.

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