Prominenz, die mich verfolgt…

Ein Mal möchte ich sonntags meine Ruhe haben. Niemanden, der schnell schnell noch etwas wissen muss, mir irgendwas sagen muss und vor allem, niemanden, den ich kenne in den Medien. Denn was gibt es Ätzenderes, wenn das eigene Schamgefühl so unverhohlen aus dem Hinterhalt zuschlägt. Ich wollte nur meiner voyeuristischen Ader etwas Luft machen und schaute mir die Kandidatinnen für den Bachelor an. Nach dem alten Prinzip zanken sich 22 Hühner um das reiche, gutaussehende und sonst auch sehr fabulöse Korn in Form eines Typens, der sonst für Quelle modelt. Auch sind die Damen nicht echt: Vom würstchenproduzierenden Pornosternchen bis zur Tussi, die glaubt, ihr würde etwas Medienpräsenz guttun. Diese Damen zanken sich dann beim Sender, der für rundum telegene Langeweile steht, in regelmäßigen Abständen körperlich, verbal und in jedem Fall immer primitiv um das Quelle-Schlafanzugsmodel. Soweit das Sendekonzept.

Klingt alles so, als hätte sich ein kleines Mädchen in seinem rosa Barbie-Traumschloss diese Geschichte munter zusammenerfunden. Nur im Unterschied, dass das rosa Barbieschloss irgendwo an irgendeinem Traumstrand dieses Planeten steht. In dieser Villa leben dann die Mädels, die allesamt aussehen, als kämen sie aus Chantals Barbiekiste und die sich genauso benehmen.

Um allen weiblichen Rollenklischees gerecht zu werden drückt man ihnen dann Eigenschaften auf’s Auge, die klischeeschwangerer nicht sein könnten. Da gibt es die großen Dramaqueens. Die eine ist die Gute und Couragierte und die andere das Biest. Biester sind meist kurzhaarig und derartig platt in ihrer Darstellungsweise, dass es einem wehtut. Meist haben diese Damen dann etwas Verruchtes an sich, was dem Zuschauer sagen soll: Hey, die ist nicht nur fies und berechnend und gemein und so, sondern die ist auch noch so gemein, dass sie den armen Bachelor, der seine große Liebe sucht, manipuliert. So ein Biest.

Das alles erinnert mich nicht nur an die Daily-Soaps der 90er sondern immer auch etwas an die Teegesellschaften des 19. Jahrhunderts. Da duellierten sich zwar die Männer, aber es gab ein ähnliches Hauen und Stechen unter den Damen.

Aber warum tun wir uns solche Formate eigentlich an? Weil es uns gut tut. Wir können unsere eigene Wertvorstellung damit abgleichen und fühlen uns als gute Menschen. Man ist nicht so intrigant wie Chantal, nicht so naiv wie Jaqueline und nicht so zimperlich wie Marielle. Eigentlich ist man doch voll super, vor allem, weil wir keine Rosen brauchen, um unser Lebensglück zu genießen. Wir normalen Mädels sind ja viel toller, als diese ganzen Hohlbrote.

Und dann beim Kandidatenspannen fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ja, ich kenne eine der Damen, denn sie saß in meinen Vorlesungen immer vor mir mit Hello-Kittie-Mäppchen vorsichhinmalend und nie in der Lage etwas Konstruktives in einen geraden Satz zu packen. Auf dem Hof der Uni immer damit beschäftigt einen zu mustern und sich dann über einen das Maul zu zerreißen. Und genau diese Madamme gibt sich nun als musterstudierende selbstbewusste Couragebombe aus und jeder glaubt es. Erst wollte ich einen bösen Brief schreiben und meine Mädels zum Marsch-des-wütenden-Mobs anstacheln. Doch dann dachte ich mir, dass Deutschland vielleicht diese Illusion brauchte. Dass wir normal proportionierten Mädels genau solche Firguren brauchen.
Wir Menschen reiben uns gerne an Klischees, die für uns teilweise so absurd sind, dass wir uns gut abgrenzen können. Es beruhigt, sagen zu können, dass man nicht so sein muss, um vielleicht im Kleinen geachtet zu werden. Und man merkt durch die öffentliche Resonanz, dass man bestimmte Dinge nicht nötig zu haben scheint.

Und gleichzeitig fragt man sich, warum das manche Menschen machen? Warum geben sich scheinbar erfolgreiche, ambitionierte Frauen dazu her, ihren Arsch gemeinsam mit einem Fakemodel in die Kamera zu halten? Ist es die Aufmerksamkeit, die einem für mindestens kurze Zeit etwas Ruhm und Achtung einbringt? Oder endlich anderen zu zeigen was in einem steckt?

Und für das die gesamte öffentliche Ächtung, Kritiken und Anfeindungen in Kauf zu nehmen? Sich für mindestens zwei Jahre nicht mehr öffentlich anonym blicken lassen zu können? Ist es das wirklich wert? Ich weiß es nicht.

Mir wäre es schlichtweg zu blöd, dass mich jeder Vollhonk mithilfe seiner Handykamera in die Bild setzen könnte, meine ganzen Aktivitäten vom Müllrunterbringen, über’s Einkaufen bis hin zum Fensterputzen irgendwie immer irgendwo auftauchen könnten. Dafür ist mir meine Privatsphäre zu heilig. Ich will auch zukünftig scheiße aussehen können, wenn ich den Müll wegbringe, beim Einkaufen auch mal länger brauchen dürfen und mich auch mal mit ausgewaschenen Jeans mit irgendeinem Kumpel auf nen Kaffee zu treffen – ohne dass es mein neues Date zu sein scheint. Ich darf ein Leben haben, das keine Kamera braucht, denn es ist spannend genug. Und hoffentlich wird auch nie einer um’s Eck biegen, der meint, ich sähe aus, wie eine Bachelortante.

Denn genau so habe ich sonntags meine Ruhe und es melden sich nur Menschen bei mir, die mich mögen und nicht, die auch etwas vom Aufmerksamkeitskuchen abhaben wollen

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