Das sind doch alles Nazis

Gerade kocht in Österreich die Stimmung wegen des Wiener Akademikerballs hoch. Der ehemalige Korporationsball ist ein Sammelbecken für FPÖ-nahe und anderweitig rechts gerichtete Burschenschaftler. Diese Veranstaltung, die jährlich in der Hofburg stattfindet, ist seit 1952 fester Bestandteil des Lebens der Korporierten in Wien. 

Draußen vor der Tür demonstrieren deswegen – auch legitimerweise – Linke und Autonome gegen die Festivität. Ärger sorgt hier ein Vermummungsverbot, das von der österreichischen Bundesregierung erlassen wurde.

Und während drinnen die Burschis ihre Zensis zum Tanze führen, tobt draußen die Masse gegen ein zu tiefst veraltetes und sehr unmenschliches Bild. Denn Burschenschaften sind tatsächlich oft sehr rechts, was leider auf andere Vereinigungen von Studenten auszustrahlen scheint, sodass bei Otto Normalbürger oft die Meinung besteht, Korporierte seien alle Nazis.

Diese Meinung hatte ich auch, bis ich einmal mit Verbindungsstudenten auf dem Haus war. Dort war nichts von einem elitären Corpsgeist zu spüren und es saßen stattdessen Studenten aus vielen Ländern, gemeinsam mit dem Polohemdenjursiten, dem metalhörenden Skandinavistiker und mir als Frau auf dem Stock und tranken Kaffee. Ich habe Freunde in Verbindungen, die weder rechts gesinnt noch konservativ sind, stattdessen wird ein sehr liberaler Ton gepflegt. Und trotzdem haben viele Verbindungen diesen Anstrich.

Viele Verbindungsstudenten können sich weder mit dem pseudoelitären Verhalten einiger Corps noch mit dem nationalistischen Gedankengut der Burschenschaften anfreunden. Und so kommt es auch dazu, dass ein befreundeter Verbindungsstudent zu mir ein Mal sagte, dass er gerne auf den Wiener Akademikerball fahren würde. Nur um dort einem der ultranationalen Superburschis zu sagen, dass er bemerkenswert gut Deutsch für einen Ausländer spreche. Wenn ich ihn begleiten wolle, solle ich doch bitte noch einen Erste- Hilfe- Kurs machen.
In Anbetracht des Konfliktstoffs in Wien wären wir da wohl nur der kleinste anzunehmende Störfaktor – voraussichtlich, man ließe und keinen Walzer tanzen. So seien, laut einem aktuellen Artikel in der Süddeutschen, die Demonstrationen gegen den Akademikerball größtenteils friedlich verlaufen – abgesehen von einigen Beschimpfungen und körperlichen Übergriffen der Demonstranten. “So postete die FPÖ vergangenes Jahr ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Demonstranten ein Pärchen im Balloutfit bespucken und mit Bier überschütten. Allerdings war das Paar nicht auf einem der von der Polizei freigehaltenen Wege zum Ball gekommen, sondern mitten durch die Masse der Protestierenden marschiert.” Strache bezeichnet sich daher gerne als Opfer linker Hetzjagden und somit als “neuen Juden”. Paradox, oder? Gerade der Korporationsball ist bekannt dafür, dass seine Gäste gern dafür bekannt sind, um die linken zu provozieren, um sich selbst gerne als Opfer darzustellen. Ein beliebtes Mittel von den Angehörigen der scheinbaren Herrenrasse. 

Dass diese Menschen nicht ganz so harmlos sind, wie sie vorgeben zu scheinen, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2012. Der ehemalige SPÖ- Abgeordnete Albrecht Konecny wurde am Rande einer Demonstration von Rechtsextremen niedergeschlagen.

Dieser Ball wird gern als Bühne rechter Gesinnung und alternder Werte verstanden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Herren in Coleur zum vorrmärzromantisierter Penisfechtvergleich auflaufen, um ihre Seilschaften deutlich zu machen. 

Die Verbindungsstudenten, die ich kenne, schmunzeln, ja finden sogar teilweise harte Worte: Von ewig gestrig bis hin zu hilflos-rückschrittsromantisch sind viele Bezeichnungen dabei. Vor allem aber zeigt sich eins: Es gibt viele Positionen und wer heute noch corporiert ist, bekommt schnell einen Anstrich, der Menschen schnell in eine rechte Ecke stellt.

Vor einigen Jahren war ich am Thomastag in Nürnberg. Gemeinsam mit einem Verbindungsstudenten war ich auf dem Weihnachtsmarkt und es faszinierte mich, wie er mit rechten Burschis und Autonomen diskutierte. Seine Argumente waren beides Mal die selben. Die Autonome war fasziniert, wie liberal ein Mensch denken kann und dass es Verbindungen gab, die in der NS- Zeit sogar verboten waren. Die Burschis wollten ihn fast zu Duell fordern.

Ich finde, man sollte sich mit der Thematik befassen, um seine Abstempelei zu überdenken. Ja, mir wird, weil ich corporierte Freunde habe, oft nachgesagt, ich sei rechts oder würde mir widersprechen, weil ich mich selbst gegen Neonazis engagiere. Doch sollte man auch die eigenen Vorurteile überdenken und sich selbst an die eigene Nase packen.

Noch warte ich auf die Einladung meines Verbindungsstudenten zum Ball. Blöderweise können wir keine Vorreservierung im “Krankenhaus der Barmherzigen Brüder” machen, denn immerhin muss man ja auch standesgemäß verarztet werden nach dem Ehrenhändel.

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